Kategorie: Fließtext


  • Brustschwimmen

    Mit nacktem Oberkörper und bis zu den Knien im Wasser stehend, blickt er auf die spiegelnde Oberfläche des klaren brandenburgischen Sees. Langsam herabschauend streift sein Blick die an der Wasseroberfläche treibenden Pflanzen, ein totes Stück Holz und ein paar schnell schwimmende oder im Wasser verharrende Fische. Schließlich schaut er auf seine eigenen Füße, die Fische drumherum und hoch auf seine Brust. Er fühlt es, spürt tief in sich, dass unter der Haut und den daraus sprießenden Haaren etwas Böses wächst. Noch ist es nicht schmerzhaft, doch er hustet vermehrt, und während er früher trotz wenig Ausdauersports nie Probleme mit seiner Ausdauer hatte, ist er in letzter Zeit schneller außer Atem. Was da wohl ist? Will er es wissen? Eine Diagnose würde es klären, doch er schiebt den Gedanken schnell beiseite. Wie so viele andere auch. Stattdessen fokussiert er sich wieder auf seine Füße. Am linken großen Zeh verharrt neugierig ein Fisch. Der Fisch verschwindet, als er den Fuß hebt und sich nach zwei Schritten mit dem ganzen Körper in den See stürzt. Es ist Mitte Juli, bis vor einer halben Stunde hat es in Strömen geregnet. Das Wasser ist wärmer als die Umgebungsluft und nur in den unteren Schichten so erfrischend, wie er es braucht. Mit schnellen Zügen bahnt er sich den Weg hinaus auf den See. Der Wald am Ufer wirkt dunkel und durch die sich dahinter auftürmenden Wolken bedrohlich. Das Wasser, die Bewegung und die Freiheit tun gut. Nur die Gedanken bleiben, kommen wieder, und er spürt einen Druck auf der Brust.


  • Die Sehnsucht der Seecontainer 

    Die Wellen treffen das Schiff schräg von vorne. Das eifrige tuckern der Motoren, das an manchen Positionen mehr, an anderen kaum zu spüren ist, wird manchmal vom schwanken der Fähre kurz unterbrochen. Als ich mich nach 16 Stunden unter Deck zum ersten mal aus der Innenkabine bewege und über mehrere Treppen aus dem Bauch des Schiffs heraus klettere, empfängt mich ein nasses Oberdeck. Vielleicht war es eine gröbere Welle die mich aus dem Bett geschüttelt und herauskommen lassen hat. Eine so große, dass sie bis hier oben gezüngelt hat? Vorbei an farbenfroh angestrichenen, aber menschenleeren Stühlen gehe ich zum Heck. Nicht all zu weit vermache ich Land aus, stelle beim zweiten Blick aber fest, dass es aufgetürmte Wolkenberge sind, statt derer aus Stein. Nicht Mensch und nicht Möwe ist hier. Ich stehe allein im Wind und würde ich mich auf seine Pfade begeben, ich wäre verschwunden ohne eine Spur zu hinterlassen. Winde, wohin weht ihr? Nur ein säuseln, ein brausen, ein kaltes pfeifen im Ohr. Seemeilenweit erblicke ich Wasser. Lediglich die verwirbelten Moleküle hinter dem Schiff weisen noch ein Stück den Weg, den wir gekommen sind. Nach vorn kann ich nicht blicken, das scheint nur dem Kapitän und seinen Leuten vergönnt. Von der Reling für mitreisende Menschen sehe ich nur die Bewegung  der Gischt in den schrägen Scheiben der leeren Brücke.
    Es müssen irgendwo Menschen sein, das Schiff kann nicht nur mit Waren gefüllt sein. Doch vom Oberdeck sehe ich nur Fahrzeuge und Container. Was da wohl mit mir reist? Wie gern würde ich den angerosteten, stellenweise mit blauer Farbe überstrichenen Container fragen, wo er schon überall gewesen ist. Was wohl schon in seinem Bauch transportiert wurde? Der Handlungsreisende Container verbleibt stumm und auch seine kryptische Aufschrift hilft mir nicht weiter. Die abblätternde Farbe hat wohl schon mehr von der Welt gesehen als ich. Während in der Ferne ein Schiff auftaucht und langsam wieder verschwindet, male ich mir aus, was sich in den Seecontainern befindet. Ich schreibe dem ersten den Umzug einer Familie zu, die sich im geerbten Haus der Großeltern im Süden niederlassen wollen. Mit Pack, Sack und Seecontainer sind sie auf dem Weg in ihr neues Leben. Unter der LKW-Plane daneben ist die Sammelbestellung eines großen Hotels. Außerhalb der Saison noch geschlossen trifft die neue Ladung Laken, literweise Seife, Reinigungsmittel und tausende Fläschchen Shampoo rechtzeitig ein, bevor in wenigen Wochen mit Beginn des Frühlings auch die Touristen wieder sprießen. Dazwischen, eingepackt in meterweise Luftpolsterfolie, steht der hunderte Kilo schwere, antike Schreibtisch für den Chef des Hotels. Das gute Stück war ein Ladenhüter im Antiquitätengeschäft seines ewigen und einzigen Urlaubsorts. Immer wieder hatte er das mächtige Mahagoni Monstrum gesehen, angefasst und doch nie mitgenommen. Wie auch, reiste er doch stets nur mit Handgepäck. Seit Monaten schlummerte im Entwürfe Ordner seines privaten Postfachs die Nachricht an den Besitzer des kleinen Ladens. Sie duzten sich, auch wenn er über die Jahre stets nur kleine Kostbarkeiten, alte Postkarten oder das kleine Gemälde neben der Garderobe seiner Dienstwohnung erworben hatte. Am Weihnachtsabend, als er allein auf den stürmischen Strand schaute und bereits eine Flasche Rotwein geleert hatte, klickte er schließlich auf senden. Noch vor dem Jahreswechsel holte eine Spedition den Schreibtisch ab und stellte ihn zu den Dingen die sich ohnehin auf die Reise zu ihm machen würden. Etwas mehr Ballast konnte er verantworten und nach einer guten Saison sei es ihm vergönnt. Was er nicht wusste, mit wem sich der Fahrer des LKW zum Zeitpunkt der Überfahrt in der Kabine vergnügte. Immer unterwegs und die meisten Nächte über den Achsen im Führerhaus seiner Zugmaschine, war die Zeit auf Fähren eine willkommene Abwechslung. Die Frau, die er in der Schlange des Check-In, wo er schon Stunden vor Ankunft des Schiffes stand, kennengelernt hatte, war älter als die üblichen Tramperinnen. War sie womöglich älter als er? Er traute sich nicht zu fragen, sein Französisch war ohnehin nicht gut genug. Verstanden hatte er, dass sie einen Weg auf das Schiff suchte und da sie mit einem Reisepass wedelte, ging es ihr nur um den günstigsten Weg. Lachhaft, dass die Reedereien inzwischen Kabinenpflicht verkauften um ihre Schiffe lukrativ zu halten. Das Bier wurde auch stets teuerer, er schmuggelte immer mindestens ein Sixpack mit an Bord. So sammelte er allen Kram von der Sitzbank neben ihm, schob die restlichen Krümel in den Fußraum und bot ihr an Platz zu nehmen. Camille hieß sie und er machte sie für die Zeit der Überfahrt zu seiner Assistentin. In blauer Arbeitsmontur und mit vom Öl schwarzen Handschuhen stellte niemand Fragen. Dass es dann so laufen würde, hatte ihn überrascht — dagegen hatte er nichts und das schwanken des Schiffs machte die Zeit in der Kabine nur noch intensiver. Nachdem der LKW aus dem metallenen Bauch des Schiffs gerollt und der Zoll sich zufrieden gezeigt hatte, verabschiedeten sie sich abseits des Hafengeländes. Womöglich war das alles so. Oder anders. Vielleicht war der Seecontainer auch bis zum Rand mit billigen, in Fernost produzierten Souvenirs gefüllt, die Wochenlang als handgefertigt auf den Straßen abschätzig von Touristen gemustert werden würden. Ziel und Inhalt änderten sich. Der Weg dazwischen war meist spannender.


  • Sonnaufgangsschwimmen

    Die Tage in Umbrien waren wunderschön. Auch Mitte September hatten wir den ganzen Tag Sonne und Temperaturen um die 30 Grad. Als ich am ersten Abend auf das von Weinreben umgebene Gehöft kam, wäre ich am liebsten direkt in den Pool gesprungen. Das Abendessen ließ mich davon abkommen und ich genoss den ersten Abend trocken. Wir waren ein kleineres Grüppchen als geplant und letztlich eine perfekte Größe. Nach einem gemeinsamen Frühstück bei dem Stück für Stück alle eintrudelten, teilten sich die Aktivitäten jeden Morgen und ich lag meist irgendwo am Rande und las. Am frühen Nachmittag aß, wer hungrig war und am Abend wurde für alle gekocht. Wir feuerten den Pizzaofen an und genossen an zwei Abenden fantastische Pizzen. Ich gewöhnte mir an, nach dem Aufstehen in den Pool zu gehen. Durch das Morgentau nasse Gras hinauf zum Pool. Auch wenn das Becken nur zehn Meter maß, schwamm ich schon beim ersten Mal mehrere hundert Meter. Mein Ansporn, von dem ich dachte, ich hätte ihn gar nicht eingepackt, war geweckt. Fünfhundert, dann 750 und schließlich tausend Meter wurden zu meinem Tagesziel. Am letzten Morgen erwachte ich noch vor Sonnenaufgang. Barfuß ging ich durch das nasse Gras und spürte die Kälte der Nacht. Das Wasser im Becken ließ leichte Nebelschwaden aufsteigen und war wärmer als die Umgebung. Als ich langsam einen zunehmend goldenen Streifen in den Bergen vernahm, begann ich brustschwimmend auf den Sonnenaufgang zu und auf dem Rücken schwimmend von ihm weg zu schwimmen. Auf keinen Fall wollte ich den Moment verpassen, in dem die Sonne über den Berg steigt und darüber hinweggleitet. Bald deutete sich ein erstes Schimmern in den Nebelschwaden an. Mochten es durch die feinen Tropfen in der Luft umgelenkte Strahlen von hinter dem Berg sein? Ich konnte nicht weiter darüber nachdenken, denn wenige Augenblicke später blitzte ein Sonnenstrahl auf. Ich hing inzwischen mit den Armen aufgestützt über der Kante des Pools und blickte gebannt auf das Sonnenschauspiel. Vor mir lag Wiese, Weinberg und Tal — wir alle wohnten dem Schauspiel bei, doch wahrscheinlich war es nur für mich ein magischer Moment. Auch wenn man es nicht tun soll, blickte ich direkt in die Sonne. Der Moment war es wert, verbotenes zu tun. Die glitzernden Sonnenstrahlen vermochten noch nicht allzu viel Wärme zu überbringen und doch sog ich auf, was mir der runde Feuerball auf die nasse Haut warf. Ich war bei weit über 1000 Metern im kurzen Becken angekommen und genoss die Ruhe. Nur leichtes schwappen der tausenden Liter Wasser um mich am Beckenrand und erwachende Insekten und Vögel um mich. Hin und wieder hörte ich ein Auto in der Ferne. Ich muss zehn Minuten gestanden und geschaut haben, bis ich merkte, wie kalt mir wurde. Daran konnte auch die inzwischen gänzlich über die Berge gekletterte Sonne nichts ändern. Ich fror. So beendete ich mein morgendliches Schwimmen und stieg aus dem Wasser in den Tag.