Die Wellen treffen das Schiff schräg von vorne. Das eifrige tuckern der Motoren, das an manchen Positionen mehr, an anderen kaum zu spüren ist, wird manchmal vom schwanken der Fähre kurz unterbrochen. Als ich mich nach 16 Stunden unter Deck zum ersten mal aus der Innenkabine bewege und über mehrere Treppen aus dem Bauch des Schiffs heraus klettere, empfängt mich ein nasses Oberdeck. Vielleicht war es eine gröbere Welle die mich aus dem Bett geschüttelt und herauskommen lassen hat. Eine so große, dass sie bis hier oben gezüngelt hat? Vorbei an farbenfroh angestrichenen, aber menschenleeren Stühlen gehe ich zum Heck. Nicht all zu weit vermache ich Land aus, stelle beim zweiten Blick aber fest, dass es aufgetürmte Wolkenberge sind, statt derer aus Stein. Nicht Mensch und nicht Möwe ist hier. Ich stehe allein im Wind und würde ich mich auf seine Pfade begeben, ich wäre verschwunden ohne eine Spur zu hinterlassen. Winde, wohin weht ihr? Nur ein säuseln, ein brausen, ein kaltes pfeifen im Ohr. Seemeilenweit erblicke ich Wasser. Lediglich die verwirbelten Moleküle hinter dem Schiff weisen noch ein Stück den Weg, den wir gekommen sind. Nach vorn kann ich nicht blicken, das scheint nur dem Kapitän und seinen Leuten vergönnt. Von der Reling für mitreisende Menschen sehe ich nur die Bewegung der Gischt in den schrägen Scheiben der leeren Brücke.
Es müssen irgendwo Menschen sein, das Schiff kann nicht nur mit Waren gefüllt sein. Doch vom Oberdeck sehe ich nur Fahrzeuge und Container. Was da wohl mit mir reist? Wie gern würde ich den angerosteten, stellenweise mit blauer Farbe überstrichenen Container fragen, wo er schon überall gewesen ist. Was wohl schon in seinem Bauch transportiert wurde? Der Handlungsreisende Container verbleibt stumm und auch seine kryptische Aufschrift hilft mir nicht weiter. Die abblätternde Farbe hat wohl schon mehr von der Welt gesehen als ich. Während in der Ferne ein Schiff auftaucht und langsam wieder verschwindet, male ich mir aus, was sich in den Seecontainern befindet. Ich schreibe dem ersten den Umzug einer Familie zu, die sich im geerbten Haus der Großeltern im Süden niederlassen wollen. Mit Pack, Sack und Seecontainer sind sie auf dem Weg in ihr neues Leben. Unter der LKW-Plane daneben ist die Sammelbestellung eines großen Hotels. Außerhalb der Saison noch geschlossen trifft die neue Ladung Laken, literweise Seife, Reinigungsmittel und tausende Fläschchen Shampoo rechtzeitig ein, bevor in wenigen Wochen mit Beginn des Frühlings auch die Touristen wieder sprießen. Dazwischen, eingepackt in meterweise Luftpolsterfolie, steht der hunderte Kilo schwere, antike Schreibtisch für den Chef des Hotels. Das gute Stück war ein Ladenhüter im Antiquitätengeschäft seines ewigen und einzigen Urlaubsorts. Immer wieder hatte er das mächtige Mahagoni Monstrum gesehen, angefasst und doch nie mitgenommen. Wie auch, reiste er doch stets nur mit Handgepäck. Seit Monaten schlummerte im Entwürfe Ordner seines privaten Postfachs die Nachricht an den Besitzer des kleinen Ladens. Sie duzten sich, auch wenn er über die Jahre stets nur kleine Kostbarkeiten, alte Postkarten oder das kleine Gemälde neben der Garderobe seiner Dienstwohnung erworben hatte. Am Weihnachtsabend, als er allein auf den stürmischen Strand schaute und bereits eine Flasche Rotwein geleert hatte, klickte er schließlich auf senden. Noch vor dem Jahreswechsel holte eine Spedition den Schreibtisch ab und stellte ihn zu den Dingen die sich ohnehin auf die Reise zu ihm machen würden. Etwas mehr Ballast konnte er verantworten und nach einer guten Saison sei es ihm vergönnt. Was er nicht wusste, mit wem sich der Fahrer des LKW zum Zeitpunkt der Überfahrt in der Kabine vergnügte. Immer unterwegs und die meisten Nächte über den Achsen im Führerhaus seiner Zugmaschine, war die Zeit auf Fähren eine willkommene Abwechslung. Die Frau, die er in der Schlange des Check-In, wo er schon Stunden vor Ankunft des Schiffes stand, kennengelernt hatte, war älter als die üblichen Tramperinnen. War sie womöglich älter als er? Er traute sich nicht zu fragen, sein Französisch war ohnehin nicht gut genug. Verstanden hatte er, dass sie einen Weg auf das Schiff suchte und da sie mit einem Reisepass wedelte, ging es ihr nur um den günstigsten Weg. Lachhaft, dass die Reedereien inzwischen Kabinenpflicht verkauften um ihre Schiffe lukrativ zu halten. Das Bier wurde auch stets teuerer, er schmuggelte immer mindestens ein Sixpack mit an Bord. So sammelte er allen Kram von der Sitzbank neben ihm, schob die restlichen Krümel in den Fußraum und bot ihr an Platz zu nehmen. Camille hieß sie und er machte sie für die Zeit der Überfahrt zu seiner Assistentin. In blauer Arbeitsmontur und mit vom Öl schwarzen Handschuhen stellte niemand Fragen. Dass es dann so laufen würde, hatte ihn überrascht — dagegen hatte er nichts und das schwanken des Schiffs machte die Zeit in der Kabine nur noch intensiver. Nachdem der LKW aus dem metallenen Bauch des Schiffs gerollt und der Zoll sich zufrieden gezeigt hatte, verabschiedeten sie sich abseits des Hafengeländes. Womöglich war das alles so. Oder anders. Vielleicht war der Seecontainer auch bis zum Rand mit billigen, in Fernost produzierten Souvenirs gefüllt, die Wochenlang als handgefertigt auf den Straßen abschätzig von Touristen gemustert werden würden. Ziel und Inhalt änderten sich. Der Weg dazwischen war meist spannender.